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Fünf Jahre nach PISA-Schock - Kultusminister erhoffen bessere Zeiten
Fünf Jahre nach PISA-Schock - Kultusminister erhoffen bessere Zeiten
Abschneiden bei der ersten weltweiten PISA-Schulstudie. Sieben «Handlungsfelder» wurden bei dem abendlichen Krisentreffen in Bonn als Gegenmaßnahme beschlossen. Wie keine andere Studie zuvor bestimmt PISA seitdem die Bildungsdebatten der Republik. Für viele ist der Name PISA inzwischen mehr mit den ungelösten deutschen Bildungsproblemen verbunden als mit der norditalienischen Stadt und ihrem schiefen Turm.
Die Schülerleistungen insgesamt unter Mittelmaß, ein extrem hoher Anteil von «Risikoschülern», die im Alter von 15 Jahren allenfalls auf Grundschulniveau rechnen und lesen können, und eine wie in keiner anderen Industrienation ausgeprägte Abhängigkeit zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft - das waren die erschütternden Botschaften des ersten PISA-Tests für Deutschland. Offenkundig wurde zudem ein riesiges Leistungsgefälle von Bundesland zu Bundesland und auch von Schule zu Schule - selbst innerhalb gleicher Schulformen.
Frühkindliche Bildung schon im Kindergarten, Sprachförderung für Migrantenkinder und für deutsche Schüler aus Problemfamilien, bundesweite Bildungsstandards für den Unterricht und regelmäßige, auch länderübergreifende Qualitätskontrollen - das war im wesentlichen die Therapie, auf die sich die Kultusminister eilig verständigten. Nur mühsam konnte damals die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) gegen den Widerstand ihrer Unionskollegen durchsetzen, dass der Ausbau der Ganztagsschule als siebtes «Handlungsfeld» mit in die Reform-Agenda aufgenommen wurde. Fünf Jahre danach gehört die Forderung nach Ausbau der Ganztagsschulen auch bei der CDU zur offiziellen Programmatik.
Mit dem PISA-Schock wurde der Öffentlichkeit erstmals bewusst, «dass die hoch gelobte deutsche Schule international den Anschluss verpasst hat», resümierte der ehemalige KMK-PISA-Beauftrage Hermann Lange in der «Zeit». Knapp 18 Monate nach dem ersten Debakel folgte im Frühjahr 2003 der zweite Test. Zu kurz war die Zeit für wirkliche Reformen. Die Wertung brachte zwar marginale Verbesserungen für Deutschland. Aus Sicht mancher Forscher wurden diese jedoch weit über Gebühr gefeiert. Die Kultusminister und ihre Regierungschefs wollten schnelle Erfolge sehen.
Dabei hat sich das Problem der Chancenungleichheit an deutschen Schulen weiter verschärft, weil beim zweiten Durchlauf fast nur die ohnehin schon Guten noch ein wenig zulegen konnten. Die Wissenskluft zwischen 15-Jährigen aus der Oberschicht und Gleichaltrigen aus der Unterschicht oder aus Migrantenfamilien ist noch größer geworden und beträgt nach PISA-Lesart jetzt einem Lernfortschritt von mehr als zwei Schuljahren.
Der Bildungsforscher Klaus Klemm bezweifelt denn auch den Sinn mancher Therapie. Aus den PISA-Datensätzen aller Teilnehmerstaaten rechnete Klemm die Leistungen der Migrantenschüler heraus. Fazit: Gäbe es in allen Staaten jeweils nur heimische Kinder, dann landeten die deutschen Schüler bei einem solchen internationalen Vergleich im oberen Leistungsdrittel.
Als Klemm in einem Radio-Interview erstmals darüber berichtete, bekam er gleich ungebetenen Zuspruch von Rechtsextremen. Natürlich weiß er, dass es Migrantenkinder nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt gibt, und dass es für das Gesamtergebnis darauf ankommt, welche Förderung sie erhalten. Klemms Berechnung zeigt, dass gerade Migrantenkinder und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern die Achillesferse der deutschen Schule bilden, weil das hiesige Schulsystem von seiner Struktur her zu wenig für sie tut.
Die in Folge von PISA propagierten zentralen Abschlussprüfungen und Vergleichsarbeiten, auch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur werden aus Klemms Sicht eher bewirken, dass die Risikogruppe unter den Schüler größer statt kleiner wird. Der Schwerpunkt der PISA-Therapie müsste stattdessen bei der Hilfe und individueller Förderung der Problemschüler liegen.
Fünf Jahre nach Veröffentlichung des ersten Tests sind heute viele Kultusminister PISA-müde geworden. Gereizt reagieren sie auf Kritik, etwa vom internationalen PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Mit dem PISA-Test 2006 und dem Schwerpunkt Naturwissenschaften, bisher stets Domäne der deutschen Schüler, erhoffen sie sich in Sachen Leistung endlich Anschluss an die internationale PISA-Spitzengruppe - wäre da nicht das nach wie vor ungelöste deutsche Schulproblem der fehlenden Chancengleichheit.




